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Die deutsche Spur – Ein Wissenschaftler, ein Milliardär und die Frage nach der Verstrickung

Veröffentlicht am 03. Februar 2026 · Redakteur: Timur Divios
Die deutsche Spur Artikelbild

Es beginnt mit einem Namen in einem Datensatz. Einer unter vielen. Doch dieser Name führt in die Tiefen eines der größten Skandale unserer Zeit: die Jeffrey-Epstein-Akten. In den Tausenden Seiten der Jeffrey-Epstein-Dokumente finden sich Präsidenten, Prinzessinnen und Prominente. Doch tief in den Datensätzen verbirgt sich auch eine wenig beachtete deutsche Verbindung. Sie führt zu einem renommierten KI-Forscher, zu Elite-Universitäten und zu Zahlungen und Gefälligkeiten. Eine Spurensuche, die dort beginnt, wo die amerikanische Justiz aufhörte.

Es ist ein Name in einer endlosen Liste, ein Datenpunkt in einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte. Wer die „Epstein Files“ durchforstet, blickt in einen Abgrund aus Machtmissbrauch und sexueller Ausbeutung. Schnell drängte sich die Frage auf: „War es ein amerikanisches Problem?“ oder gab es auch deutsche Akteure, die in dieses Netzwerk verstrickt waren – durch Geld, Gefälligkeiten, oder schlichtweg durch ihr Schweigen? Die Leidtragenden sind, wie immer, die Opfer Epsteins. Kinder. Wer wusste was? Und wer profitierte, während andere litten?

Unsere Recherchen, abgeschlossen am 2. Februar 2026, zeichnen das Bild einer bemerkenswerten Nähe zwischen dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und dem deutschen Kognitionswissenschaftler und Philosophen Joscha Bach. Was als vage Vermutung begann, verdichtete sich durch den Abgleich von Flugdaten, E-Mail-Korrespondenzen und Finanzunterlagen zu einer Kette von Gefälligkeiten, die weit über den bloßen akademischen Austausch hinausgingen.

Die private Rechnung

Die Verbindung zwischen dem Milliardär und dem Wissenschaftler war nicht nur intellektueller, sondern auch monetärer Natur – und sie betraf das Privateste: die Familie. Dokumente belegen Anfragen an Epsteins persönlich, die Schulgebühren für Bachs Kinder an der exklusiven German International School Boston zu übernehmen. Die Korrespondenz lässt keinen Zweifel: Die Bitte wurde gewährt. Von 2016 bis 2018 übernahm Epstein so die Schulgebühren der Kinder Bach´s.

Anmerkung der Redaktion: Die Namen der betroffenen Kinder gehen aus den US-Dokumenten klar hervor. Wir haben uns jedoch entschieden, diese zum Schutz der Privatsphäre unkenntlich zu machen.

Die rechte Hand und das Apartment

Die Recherche zeigt auf, dass Bach nicht nur ein flüchtiger Bittsteller war. Er stand in direktem und regelmäßigem Austausch mit Lesley Groff. Groff war mehr als eine Assistentin; sie war Epsteins rechte Hand, die Termine koordinierte, Reisen buchte und laut Gerichtsdokumenten auch die Logistik für Epsteins missbräuchliche „Massagen“ organisierte.

Der E-Mail-Verkehr enthüllt Treffen zwischen Groff, Bach und dessen Ehefrau, unter anderem an der Harvard University. Doch die Gefälligkeiten gingen weiter: Im Jahr 2016 stellten Epstein und Groff dem deutschen Wissenschaftler eine Wohnung in New York City zur Verfügung – offiziell für ein „Business Meeting“.

Gekaufte Exzellenz: Wie Epstein eine deutsche Karriere finanzierte

Das Jahr 2016 markiert nicht nur eine private, sondern auch eine berufliche Zäsur in der Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und dem Milliardär. Während Bach privat in New York unterkam, öffneten sich ihm auch akademisch Türen, die ohne Epsteins Einfluss möglicherweise verschlossen geblieben wären.

Recherchen der US-Zeitung The Boston Globe legten offen, wie dieses System funktionierte: Epstein nutzte seinen Status als Großspender am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) nicht nur zur Imagepflege, sondern als direkten Hebel für Personalentscheidungen. Den Berichten zufolge flossen gezielte Spenden an das dortige Media Lab, die explizit an eine Bedingung geknüpft waren: Sie sollten die Anstellung von Joscha Bach finanzieren. Die akademische Position war demnach weniger das Resultat eines transparenten Auswahlprozesses, sondern das direkte Ergebnis einer finanziellen Intervention Epsteins.

Doch das Ausmaß der Zuwendungen ging weit über ein einzelnes Gehalt hinaus. Recherchen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL förderten zutage, dass insgesamt mehr als eine Million US-Dollar von Jeffrey Epstein bereitgestellt wurden, um Bachs Wirken zu unterstützen. Diese enorme Summe verdeutlicht, dass Bach für Epstein mehr war als nur einer von vielen Wissenschaftlern in seinem Orbit.

Die SPIEGEL-Recherchen untermauern zudem das Bild einer Beziehung, die die Grenzen zwischen professioneller Förderung und privater Vereinnahmung vollständig aufgelöst hatte. Der Geldfluss war das Fundament, auf dem der intensive private Austausch – von den gemeinsamen Treffen bis zur Übernahme familiärer Kosten – überhaupt erst gedeihen konnte. Bachs Karriere in den USA erscheint in diesem Licht als ein Konstrukt, das maßgeblich auf dem Kapital eines Sexualstraftäters errichtet wurde.

Ideologische Schnittmengen

Was verband den deutschen Denker mit dem amerikanischen Finanzier? Neben der finanziellen Abhängigkeit deuten die Recherchen auf ideologische Übereinstimmungen hin. Epstein war bekannt für sein Interesse an Transhumanismus und Eugenik. Auch Bachs öffentliche Äußerungen der Vergangenheit – etwa Überlegungen zum Klimawandel als Problem der Überbevölkerung oder utilitaristische Ansichten über das Lebensende älterer Menschen – bewegen sich in einem ethischen Graubereich, der in Epsteins Salons auf fruchtbaren Boden fiel. Es ist eine intellektuelle Kälte, die gut in das Weltbild des New Yorker Zirkels passte.

Das Schweigen der Behörden

Trotz der erdrückenden Indizienlast, die sich aus den US-Akten ergibt, scheint der Fall in Deutschland juristisch nicht zu existieren. Eine Informationsfreiheitsanfrage (IFG) an Bundesbehörden und das Land NRW ergab: Es sind zurzeit keinerlei Ermittlungsverfahren bekannt.

Keine Antworten

Wir haben im Zuge dieser Recherche mehrere der genannten Personen sowie involvierte Institutionen kontaktiert und um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Bis zum Redaktionsschluss ging auf keine unserer Anfragen eine Antwort ein.

Was bleibt, ist die Dokumentation einer verstörenden Nähe. Joscha Bach profitierte von einem Mann, dessen Reichtum und Einfluss untrennbar mit dem Leid zahlreicher Opfer verbunden waren. Die Akten liegen offen. Die Spuren sind da. Es liegt nun an der Öffentlichkeit, die Fragen zu stellen, die der Staat bisher vermieden hat.

Quellen